an die Grevener Bürger.

„Wir wenden uns heute mit diesem offenen Brief an Sie, um für Verständnis zu werben und Sie um Unterstützung zu bitten. Geschätzt 60 Millionen Menschen sind weltweit wegen kriegerischer Auseinandersetzungen, Terror, Verfolgung und bitterer Armut auf der Flucht. Viele von ihnen kommen nach Europa und vor allem nach Deutschland.

Wir wollen uns ganz bewusst nicht an der deutschland- oder europaweiten politischen Diskussion über Grenzkontrollen, Zumutbarkeitsgrenzen und Kontingente beteiligen. Diese Rolle überlassen wir den Politikern auf europäischer und Bundesebene.

Bei uns in Greven hat das „Thema Flüchtlinge“ Namen und Gesichter. Es geht um jene zurzeit etwa 600 persönlichen Schicksale und Menschen, die hier bei uns in Greven ganz konkret unsere Hilfe und Unterstützung benötigen. Sie sind hier, die meisten von ihnen bleiben hier und sie brauchen uns.

 

Unsere erste Pflicht ist es, diesen Menschen Obhut zu gewähren, ihnen eine angemessene Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung zu stellen. Diese Verpflichtung haben wir alle gemeinsam, weil unser Grundgesetz das oberste aller menschlichen Grundrechte bewusst an den Anfang stellt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Würde ist nicht abhängig von Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, politischer Gesinnung oder sonstiger Orientierung. Jeder Mensch hat jederzeit in Deutschland das uneingeschränkte Recht, dass seine Würde respektiert und geschützt wird. Von den menschenverachtenden Parolen, die bevorzugt in sozialen Netzwerken geäußert werden, sollten wir uns nicht provozieren lassen.

Uns ist bewusst, dass diese Unterstützung von vielen Grevenern Entbehrungen fordert: Sportvereine müssen vorübergehend ebenso auf ihre Sportstätten verzichten wie Jugendliche und Senioren auf ihre lieb gewonnene Einrichtung. Die mobilen Wohneinheiten, die wir wegen der großen Zahl von Flüchtlingen errichten müssen, sehen optisch nicht immer reizvoll aus, aber sie bieten den Hilfesuchenden warmen Wohnraum und die Möglichkeiten zur Eigenversorgung.

Wir möchten Sie, liebe Grevener, ermutigen, diesen Weg mit uns und mit allen Helfern aus Ehrenamt, Kirche, Politik, Verwaltung und Institutionen gemeinsam zu gehen. Dazu bedarf es keiner großen Gesten. Schon ein freundliches „Hallo“ und ein geschenktes Lächeln können Mut machen und Vertrauen erzeugen. Je mehr von Ihnen uns dabei unterstützen und Verständnis zeigen, desto eher können wir in Greven behaupten, einander mit Respekt und Würde zu begegnen. Greven sind wir alle – jeder von Ihnen genauso wie jeder Unterzeichner dieses Briefes und jeder Flüchtling, der in unserer Stadt Schutz sucht.“

 

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefes gehören

Pfarrer Klaus Lunemann (Pfarrgemeinde St. Martinus)

Pfarrer Dr. Martin H. Thiele (Gemeinde St. Johannes Baptist Gimbte)

Pfarrer Jörn Witthinrich und Pfarrer Uwe Völkel (Evangelische Kirchengemeinde)

Imam Ibrahim Isik (Deutsch-Türkische Gemeinde Greven)

Peter Vennemeyer (Bürgermeister, SPD)

Wolfgang Beckermann (Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer)

Christa Waschkowitz-Biggeleben (Erste Stellvertretende Bürgermeisterin, CDU)

Ruth Zurheide (Zweite Stellvertretende Bürgermeisterin, SPD)

Bernard Hillebrand (Vorsitzender Wirtschaftsforum Greven)

Peter Hamelmann (Vorstand Greven Marketing)

 

Text: Grevener Zeitung, Lokalteil vom 12.12.2015

Foto: Teilnehmer beim 3. Sprachkurs am 15.6.2015 (siehe Artikel auf den Seiten der Flüchtlingshilfe)