Jubiläumskonzert am 29. April 2018

Auf der Klaviatur der Klangfarben spielen – das kann man mit Orgeln besonders gut, denn in ihnen verbirgt sich eine ganze Schatzkammer verschiedendster Pfeifen unterschiedlicher Bauart. Aber: «Das wichtigste Register einer Orgel ist der Raum, in dem sie steht.» Diese Feststellung des berühmtes Pariser Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) hebt hervor, dass unsere Wahrnehmung des Orgelklangs ganz entscheidend davon abhängt, in welcher Weise der Kirchenraum den Klang einer Orgel trägt, mitgestaltet und bestenfalls beantwortet. Nun haben wir in St. Martinus einen atmosphärisch wie klanglich wundervollen Raum, der gleich zwei Orgeln an verschiedenen Standorten birgt, die auch gleichzeitig miteinander gespielt werden können, sodass wir bei dem oben beschriebenen Zitat zufrieden aufatmen können.

Wer noch keine Vorstellung davon hat, was mit «Register» gemeint ist, der stelle sich eine Klaviatur vor: Bei der Orgel hat sie jeweils 56 Tasten. Um damit jeweils verschiedene Töne spielen zu können, werden 56 verschiedene Pfeifen gleicher Bauart benötigt und bilden zusammen eine vollständige Klangfarbe – ein Register. Die Jubilarin hat 41 davon, seitdem sie pünktlich zum 50. Geburtstag generalüberholt und erweitert wurde. Bei einigen Registern erklingen mehrere Töne pro Taste, sodass das Rätsel, wieviele Pfeifen die Orgel nun hat, nicht ohne genaues Hinsehen (oder Hinhören) zu lösen ist: In der Turmorgel erklingen 2790 Pfeifen, in der Chororgel 782. Nie gleichzeitig versteht sich, ähnlich wie beim Kochen. Zumindest die meisten von uns werfen ja auch niemals alle denkbar verfügbaren Zutaten gleichzeitig in den Kochtopf, wenn das Ergebnis einigermaßen bekömmlich sein soll.

Die richtige Auswahl ist also entscheidend. Das war schon im Jahr 1957 so, als unsere beiden Orgel konzipiert wurden. Dann galt es, die Klangfarben auszuwählen, die fortan in St. Martinus klingen sollen. Das damals neueste waren Orgeln im neobarocken Stil: festlich glänzend, zuweilen ein bisschen ruppig im Klangbild, wenig sattes Fundament, dafür steile, obertonreiche Dispositionen. Auf der Schauseite der Orgel wollte man zeigen, woraus man alles etwas Vernünftiges bauen kann, und so entdecken wir noch heute dort Pfeifen aus Eiche, Zink und Kupfer. Die Firma Kreienbrink baute zuerst die zweimanualige Chororgel, die 1957 eingeweiht wurde und in ihren ersten zwanzig Jahren noch ein ganz anderes Gehäuse hatte als heute. Die Turmorgel wurde dann ein Jahr später errichtet und am 20. April 1958, dem vierten Ostersonntag, in einer kirchenmusikalischen Andacht eingeweiht. Sie ist dreimanualig konzipiert – jedes der drei Teilwerke plus Pedalwerk hat seinen eigenen Standort in der Orgel.
In Haupt- und Pedalwerk befinden sich die klangstärksten und größten Pfeifen der Orgel. Im Untergehäuse sind die Pfeifen des zweiten Manuals untergebracht, die gerne auch zur Hervorhebung solistischer Klangfarben verwendet werden können. Hinten im Turm befindet sich das Schwellwerk, das zum Kirchenraum hin mit stufenlos regulierbaren Jalousien ausgestattet ist und unter anderem die leisesten Register der Orgel enthält. Auf dem vierten Manual des Generalspieltischs ist die Chororgel spielbar.

Gegenwärtig kümmern sich zwei Orgelbaufirmen darum, dass unsere Instrumente in gepflegtem und vor allem klangschönen Zustand sind. Mathias Johannmeier ist schon seit vielen Jahren ein verlässlicher und kompetenter Ansprechpartner, und seit einiger Zeit übernimmt auch Eberhard Hilse mit seinem Team der Orgelbaufirma Fleiter diverse Aufgaben für uns.

Ein runder Geburtstag darf gerne gefeiert werden, und dies natürlich gerne mit Musik. Glücklicherweise nicht vom Band, sondern mit einer persönlichen Visitenkarte der Jubilarin – in einem Konzert am Sonntag, den 29. April um 20 Uhr in St. Martinus, der Eintritt ist frei. Kantor Sebastian Bange hat für die Grevener Orgelfreunde ein Programm mit überwiegend symphonischer Orgelmusik ausgedacht – also eher etwas für große Orgeln und große Räume und damit gerade der Turmorgel auf den Leib geschrieben. Aufgeführt werden Werke unter anderem von Ludwig van Beethoven, Carl Sattler und Alexandre Guilmant (fünfte Orgelsonate).